Urlaub und Bürokratie

Wir waren vom 11.5. bis 25.5. also 10 Tage im Urlaub. Da fällt die eine oder andere Nachricht an, die (natürlich am ersten Tag) beantwortet werden muß.

Am Tag vorher waren wir in der Praxis, um Computer wieder hochzufahren, Anrufbeantworter abzuschalten und zwei Updates (einmal IFAP Medikamentendatenbank und einmal Medistar) aufzuspielen. Dafür alle 14 Rechner mal kurz eine Stunde anschalten, damit die sich die Updates ziehen, einmal alle runter- und wieder hochfahren, damit die nicht 15 Minuten nach Arbeitsbeginn melden „ich hab ein Microsnot-Windows®-Update“ und sich dauernd neu starten wollen. Folglich wurden auch 14 Rechner einmal neu gestartet, das macht 3 Stunden Urlaubsende.

Im Briefkasten lagen 60 Briefe, die teilweise geöffnet werden müssen. Teilweise, weil Pharmawerbung heutzutage den größten Teil an unserer Briefpost hat. Das geht dann immer einmal an Frau Dr. med. Christiane Sensse und einmal an Herrn Dr. med. Jörg Sensse, manchmal auch an Herrn Dr. med. Christian Sensse, der seit Jahren durchs Internet spukt. Da wurden wir also beide oder alle drei informiert, dass massenweise Naturheilverfahren uns alle retten werden (beide Ärzte haben die Ausbildung, aber wir leben das nicht) – 12 Briefe. Es gibt endlich drei neue Denusomab-Biosimilars, die seit über 4 Monaten in der Medikamentendatenbank stehen. 6 Briefe. Die forschenden Pharmaunternehmen (Abbvie, Sanofi und 2 andere) haben neue Datenschutzbestimmungen für die forschenden Ärzte und schicken teils in englisch teils in deutsch lange Texte. Wir forschen nicht und antworten nicht auf englische Texte. Dann teilen ein paar Krankenkassen mit, dass wir unsere Budgets im März bereits um 4000 Prozent überzogen haben und unser Verhalten dringend ändern müssen, sonst schaffen wir die 125-%-Marke zum Jahresende nicht, ab der es Prüfungsverfahren und Regresse gibt. Papierkorb.


Und dann kommen die Knackpunkte: 16 Briefe Versorgungsamt wegen Anerkennung von Schwerbehinderungen. Mittlerweile hängen da Fragenkataloge von bis zu 60 Einzelfragen dran, die wir für 25 € laut Gesetz zur Entschädigung von Zeugen und Sachverständigen liebevoll einzeln sachbearbeitergerecht im Beamtendeutsch beantworten sollen. Früher reichten dem Versorgungsamt Arztbriefe, jetzt soll ich bei jedem Rheumatiker, der meist auch Folgearthrosen, einen Knochenschaden und ein chronisches Schmerzproblem hat, von jedem einzelnen Termin die Klagen und Befunde den einzelnen Problemen zuordnen. So sieht ein Fragenkatalog aus:

Rheuma:
Liegt eine entzündlich-rheumatische Erkrankung vor?
Klinische Aktivität?
Rheumafaktoren, CCP, HLAB-27 finden Sie im Teil „Befunde“
Gelenkbefall? Wirbelsäulenbefall?
Funktionseinschränkungen?
Organbeteiligung?
Progredienz?
Medikamente siehe unten.

Erkrankungen der Wirbelsäule
Ausprägung der Funktionsbehinderung, welche WS-Abschnitte, vorübergehend oder dauernd?
Bewegungsausmaße
Muskel- und Nervenreizerscheinungen
Reflexstörungen
Paresen oder Sensibilitätsstörungen.

Osteoporose
Ausprägung?
Vorwiegende Manifestationen?
Beschwerden?
Funktionsbeeinträchtigungen?
Röntgen und sonstige technische befunde? – Finden Sie unter Punkt „Röntgen“ unterhalb.

Kniegelenke/Hüftgelenke/Schultergelenke (Die Gelenke werden natürlich einzeln erfragt.)
Seitenangabe:
Werten nach neutral-Null:
Belastbarkeit/Gebrauchsfähigkeit
Schmerzen:
Schwellung:
Atrophie:
Medikamente:
Röntgenbefunde:
Hilfsmittel?

Gehbehinderung
Gangbild
Wegstrecken in Metern + Pausen.
Nutzung eines Rollstuhles
Treppensteigen?

Fibromyalgie-Syndrom
Wann wurde die Diagnose gesichert?
In welcher Region werden Schmerzen geklagt?
Ausprägung des klinischen Befundes?
Art der Therapie?
Hilfsmittel?
Bewegungseinschränkungen?

Wenn die Daten älter als 2 Jahre sind, findet das das Versorgungsamt einen Mangel, der gelegentlich zur Nichtbezahlung führte und weil die Laborwerte der Anfangsdiagnostik (HLAB-27 ist ein Gen, das ändert sich im Leben nicht) oft älter sind, haben wir ein Problem. Dier Antwort schluckt leicht 30 Minuten.


Auch das Sozialgericht ist bürotechnisch aktiv. Wir haben Klagen wegen Nichtanerkennung des Grades der Behinderung, wegen Nichtanerkennung Rentenansprüche, jetzt auch mal wegen Nichtgenehmigung einer Reha bei einer 80-jährigen Dame, die nicht rehafähig ist (Originalton: „Aber ich möchte“).

Da man als Arzt im Sozialgerichtsverfahren immer bedroht wird mit einer Vorladung zur Zeugenaussage, muss man sich viel Zeit für die Aufarbeitung der Akten nehmen. Es gibt einen Standardfragenkatalog, dessen Beantwortung leicht eine Stunde kosten kann – für 25€. Aktuell waren das 4 Sozialgerichtsanfragen, die ich unter 2,5 Stunden geschafft habe.


Die Deutsche Rentenversicherung ist ein weiterer Quell der Bürokratie. Natürlich gibt es ein Rehaverfahren und ein Rentenverfahren. Nur leider wird das Rehaverfahren auch für Anträge auf Einlagen oder wirbelsäulengerechte Schreibtischstühle mißbraucht, wo wir dann Fragen nach der Kommunikationsfähigkeit oder den Fähigkeitsstörungen beim Aufrechterhalten sozialer Kontakte (zu Deutsch: Geschlechtsverkehr) beantworten müssen. 5 Seiten Standardformular oft zu Patienten, die wir genau einmal im Leben zur erfreulich erfolglosen Rheumasuche gesehen haben.

Wer das Formular anschauen will: Suche nach DRV S0051

Davon waren wieder 5 zu beantworten – 2 Stunden.


Und dann lauern da wieder 160 Emails. Die Woche wäre um, auch ohne Patienten. So waren das zwei Wochenenden.

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