Motto des Tages: „Wenn Du die Welt nicht mehr verstehst, ist es Zeit, dass Du gehst.“ meine Großmutter Marianne Dittrich.
Neuerdings gibt es neben Rezepten, Spritzen und Beratung zu Lebensstiländerungen, die das wirkungsvollste und gleichzeitig meistignorierte Therapiemittel sind, auch Digas – also digitale Gesundheitsanwendungen. Eine Diga ist eine App, also etwas, das auf dem Smartphone läuft und für eine bestimmte Nutzergruppe – meist Kranke – programmiert wurde.
Ich bin kein Androidbold und stehe mit meinem meist stummgeschalteten 6 Jahre alten Smartphone eher auf Kriegsfuss. Es laufen
- Eine Bankapp
- das unvermeidliche Whattsapp -aber nicht für Patienten, eine Golfgruppe und zwei Klassentreffengruppen schaffen auch so 30 Nachrichten am Tag –
- Spotify für die Unterhaltung beim Sport
- eine Golfplatz-App zum Sport
- die Kamera
- die Tesla-App, sonst nimmt mein Auto mich nicht für voll
- „Kontakte“ und „Telefon“, die Nebenprozesse, von denen das Mobiltelefon Sinn und Namen hat
- Dazu gibt es Möglichkeiten, den Kontrollzwang zu perfektionieren, indem ich die heimische Photovoltaik und die heimische Alarmanlage überwache. Am blödesten finde ich eine Fernsteuerung für die Praxisalarmanlage, mit der ich die Lärmanlage an- und abschalten kann, falls ich mal den Alarmanlagenkontrollchip vergessen habe. Der Chip hängt am Schlüsselbund und da man den analogen flachen Schlüssel für Türen trotzdem braucht, passiert das selten.
Immerhin nutze ich 10 Apps – mit 62 Jahren wohl schon überdurchschnittlich. App ist vermutlich ein altes deutsches Wort, das Verb dazu ist „veräppeln“.
Zurück zu den Digas: Ich konnte mir nicht vorstellen, wer so etwas außer dem Hersteller braucht – der verdient Geld damit.
Der erste DiGa-Kontakt war wegen einem Patientenpärchen, die beide die Rauchentwöhnungsapp „Nichtraucherhelden-App“ wünschten. Ich unterstütze das Nichtrauchen gern , also habe ich die Apps bei der Krankenkasse beantragt, die Patienten bekamen einen Freischaltcode. Dann wünschten sie, dass ich das Anmelden übernehme und die Zugänge für die Patienten installiere. Als gutmütiger Trottel hab ich das versucht, die Handys waren sehr alt, ein eingerichtetes eMailprogramm war auch nicht zu finden und daher funktionierte nichts. Die Beiden rauchen noch, nur bin ich jetzt schuld daran. Das war nicht ermutigend. Natürlich wird dieser heldenhafte Einsatz gegen das Rauchen vergütet: Zweimal Pauschale 86700 (8,15 Euro) für eine dreiviertel Stunde Frust.
Den zweiten Versuch einer Diga-Behandlung initiierte eine Patientin, die sich die Abnehm-Unterstützungs-App Oviva wünschte. Der Hausarzt wusste wohl nicht, wie man eine Diga rezeptiert. Ich wusste es auch nicht, aber man ist ja experimentierfreudig. Die Patientin bekam ihre App, meine EDV rechnete wieder die Pauschale 86700 (8,15 Euro) für die Erklärung und Motivation zu einer DiGa ab und von dem Tag an bekam ich Werbung von der Firma per Post und per Mail. Anschließend gab es etwas Ärger mit der Kassenärztlichen Vereinigung: Die Abrechnungsziffer 86700 dürfen nur Allgemeinmediziner und Fachärzte für Innere Medizin abrechnen. Die anderen Ärzte haben – rein rechnerisch – keine Übergewichtigen und sollten die Adipositas als „fachfremde Erkrankung“ einordnen, weil sie auf ihrem Fachgebiet keine Konsequenzen hat.
Immerhin hat die Patientin zwei Kilogramm in 3 Monaten abgenommen.
Der dritte Versuch hat drei Vorgeschichten:
- Bei der Fortbildung „rheuma-Update“ Im März in Mainz wurde eine Bechterew-App positiv erwähnt. Das macht neugierig.
- Wir haben ein Angebot für eine Therapiebegleitstudie, bei der die Nutzung von Digas sekundärer Untersuchungsgegenstand ist. Das motiviert.
- Am Mittwoch mailte ein gut bekannter, in Selbsthilfegruppen hochvernetzter Patient, ob es möglich sei, im ein Rezept für die Bechterew-App „Axia“ auszustellen. Es war einfach, es ging als e-Rezept und da man e-Rezepte statt auf Rezeptsicherheitspapier als PDF speichern kann (kann, nicht darf), hatte er das gewünschte Rezept nach 5 Minuten per Mailantwort. Er hat uns initiiert.
Axia ist eine App, die
- zum täglichen Übungen motivieren soll und viele Übungen für die axiale Spondarthritis bereithält.
- die aktuellen Beschwerden abfragt und die Übungen darauf abstimmt.
- wahrscheinlich auch ein paar Aufzeichnungsfunktionen der Krankheitsaktivität bietet – ich habe einen Testzugang beantragt und schau mir das an.
- mich 3 Minuten kostet – Motivationsgespräch, Rezept drucken und einmal auf „https://axia-app.de/“ hinweisen.
- mir die Pauschale 86700 (8,15 Euro) bringt, von der derzeit 80% wirklich bezahlt werden – macht 6,52 €.
- die Krankenkasse 599 € für drei Monate Nutzung kostet. Immer dran denken: Die Krankenkasse bezahlt gar nichts – sie verteilt nur um. Der Beitragszahler zahlt.
Was es den Patienten wirklich bringt, weiß ich noch nicht. Das erfahre ich in 3 Monaten, wenn ich von den 11 Patienten, die wir gestern angesprochen haben, Rückmeldungen bekommen. 10 Patienten waren interessiert und wollten das Rezept.
Erste Erfahrungen: Es gibt auf axia-app.de einen hervorgehobenen Button „Rezept einreichen“. Trotzdem hat sich die erste Patientin alternativ angemeldet und veranlasst, dass die Firma ein Rezept bei mir anfordert. Ich bin angesichts der Anforderung explodiert, wieso die „Gurkentruppe“ zwei Rezepte will. Die Herrschaften waren trotzdem nett und geduldig mit mir und mir fehlt die Gelassenheit.
Ich schreibe ganz bewusst Herrschaften und nicht „Mitarbeiter*_Innen“, denn im Nachgang habe ich entdeckt, dass meine unhöfliche Mail vom Geschäftsführer persönlich beantwortet wurde – unter einer Stunde.
Wir wollten modern sein und haben den ersten Patienten e-Rezepte gegeben. Der Apphersteller kann damit umgehen, freut sich aber mehr über ein ganz normales Kassenrezept A6 rosa, denn da stehen alle Angaben vom Versicherten wie Versichertennummer und Kassennummer drauf. Auf dem e-Rezept stehen Name, Vorname und Geburtsdatum, zu wenig für einen Kostenübernahmeantrag für die DiGa bei der Krankenkasse. Also einen Schritt zurück. zum Analogen. Digitalisierung in Deutschland läuft im Pilgerschrittverfahren – immer zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück.
Spannend wird die Diga Axia, wenn ich damit Krankengymnastikrezepte (12 Einheiten = 355,56 €) oder gar Biologika (Adalimumab-Biosimilar 2.804,97 € pro Quartal) einsparen kann. Da muss ich genau hinsehen, bevor ich unseren 350 Axiale-Spondarthritis-Patienten die App Axia empfehle und so 209.650 € Kosten auslöse.
Bis dahin empfehlen wir erstmal weiterhin die Impfung gegen Gürtelrose. Eine deutliche Schutzwirkung gegen Demenz ist nachgewiesen, für Rheumatiker ab 18 wird sie erstattet und wenn man etwas gegen die Verblödung der Welt tun kann, ist das immer ein gutes Werk.
15.4.26
Mittlerweile haben wir um die 50 Axia-Apps empfohlen und die ersten Rückmeldungen: Eine Patientin hatte an der Zulassungsstudie teilgenommen und war sehr überzeugt. Das finde ich gut. Nicht ganz so gut fand ich, dass jemand an von mir betreuten Patienten Forschung betreibt und das nicht kommuniziert. 3 weitere Rückmeldungen. Ein Patient hatte den Wunsch, von 2x pro Woche Krankengymnastik auf einmal herunterzugehen, weil ihm die Übungen der App reichten. Also werde ich die Empfehlung der App bei der axialen Spondarthritis intern zum Standard erheben.